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Epische Texte analysieren und interpretieren

Überblick und Grundbegriffe


Glossar der Grundbegriffe

Fiktion/ Fiktionalität

Wer einen Roman liest, weiß, dass die Figuren nicht wirklich existieren und die geschilderten Ereignisse nicht wirklich stattgefunden haben. Und doch lässt man sich auf sie ein, denkt über sie nach, empfindet mit ihnen. Dieses scheinbar paradoxe Verhältnis zwischen Erfundenem und ernsthafter Auseinandersetzung ist das Kennzeichen von Fiktionalität.

Fiktionalität ist dabei keine Eigenschaft einzelner Aussagen, sondern des gesamten Textes. Es geht nicht darum, ob einzelne Details wahr oder falsch sind. Ein Roman kann historische Fakten enthalten und ist trotzdem fiktional. Entscheidend ist der Geltungsmodus des Textes: Fiktionale Texte stellen keine Behauptungen über die wirkliche Welt auf, die man überprüfen oder widerlegen könnte. Sie entwerfen stattdessen eine Diegese mit eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Eng damit verbunden ist die Frage der Fiktionalitätssignale, also der Mittel, durch die ein Text seinen fiktionalen Status anzeigt. Gattungsbezeichnungen wie „Roman“ oder „Erzählung“, bestimmte Erzählkonventionen, aber auch ein erfundener Erzähler, der aus einer nicht verifizierbaren Perspektive berichtet, signalisieren dem Lesenden, dass hier kein Realitätsanspruch erhoben wird.

Wichtig ist die Abgrenzung von verwandten Begriffen: Fiktiv meint das konkret Erfundene (eine fiktive Figur, ein fiktiver Ort). Fiktional meint den übergreifenden Modus des Textes. Fiktionalität und Diegese hängen eng zusammen: Die Diegese ist die fiktionale Welt, sie existiert nur im Rahmen des fiktionalen Textes und nach dessen Regeln.

siehe auch: Diegese

Diegese

Wenn man einen Erzähltext liest, betritt man eine in sich geschlossene Welt, die durch den Text entworfen wird. Diese Welt nennt die Erzähltheorie Diegese. Sie umfasst alles, was innerhalb der Erzählung als wirklich gilt: was die Figuren erleben, was an welchem Ort geschieht, welche Vorgeschichten es gibt, welche Regeln in dieser Welt gelten.

Der Begriff ist deshalb so zentral, weil er eine wichtige Unterscheidung ermöglicht: zwischen dem, was zur erzählten Welt gehört, und dem, was außerhalb von ihr liegt. Der Erzähler zum Beispiel steht nicht zwingend in der Diegese, er kann ihr angehören (wenn er selbst eine Figur in der Geschichte ist) oder außerhalb von ihr stehen (wenn er die Geschichte aus einer Position erzählt, die nicht Teil der erzählten Welt ist). Aus dieser Unterscheidung entstehen die Begriffe homodiegetisch (der Erzähler ist Teil der Diegese), heterodiegetisch (der Erzähler steht außerhalb) und autodiegetisch (der Erzähler ist zugleich die Hauptfigur der Geschichte).

Auch für die Analyse von Rahmen- und Binnenerzählungen ist die Diegese grundlegend: Wenn in einer Geschichte eine Figur ihrerseits zu erzählen beginnt, entsteht eine zweite Erzählebene: eine Erzählung innerhalb der Erzählung. Die äußere Erzählebene heißt extradiegetisch, die eingebettete innere Ebene intradiegetisch.