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Epische Texte analysieren und interpretieren

Figuren

Die Analyse


Glossar der Fachbegriffe

Figurencharakterisierung

Figuren werden konstruiert, und zwar durch gezielte Informationsvergabe. Alles, was ein Text über eine Figur zeigt oder sagt, trägt zu ihrer Charakterisierung bei. Die Erzähltheorie unterscheidet dabei zwei grundlegende Verfahren.

Bei der expliziten (direkten) Charakterisierung wird eine Eigenschaft einer Figur unmittelbar benannt. Das kann durch die Erzählinstanz geschehen („Sie war eine hartgesottene Frau“), durch Selbstaussagen der Figur oder durch Urteile anderer Figuren über sie. Die Information wird dem Lesenden direkt mitgeteilt.

Bei der impliziten (indirekten) Charakterisierung hingegen erschließt sich eine Eigenschaft erst aus dem, was gezeigt wird: aus dem Verhalten der Figur in einer bestimmten Situation, aus ihrer Sprache und ihrem Redegestus, aus ihrer äußeren Erscheinung, aus dem, was sie besitzt oder wie sie wohnt, oder auch aus dem, wie andere Figuren auf sie reagieren. Auch die Namengebung kann ein implizites Charakterisierungsmittel sein.

Wichtig für die Analyse ist die Frage, wer charakterisiert: Die Erzählinstanz genießt in der Regel eine höhere Glaubwürdigkeit als eine Figur, deren Urteil über eine andere von eigenen Interessen, Sympathien oder Antipathien gefärbt sein kann. Bei einem unzuverlässigen Erzähler ist auch dessen Charakterisierung mit Vorsicht zu lesen. Die Figurencharakterisierung ist also nie neutral. Sie ist immer durch eine bestimmte Perspektive vermittelt.

Haupt- und Nebenfiguren

Die Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebenfiguren ist zunächst eine Frage des Gewichts: Hauptfiguren erhalten mehr Raum und Aufmerksamkeit. Die Erzählung folgt ihrem Schicksal, zeigt ihre Entwicklung, lässt die Lesenden an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben. Sie bestimmen den Gang der Handlung entscheidend mit und sind in der Regel als individuelle Charaktere entworfen.

Nebenfiguren dagegen sind häufig funktional konzipiert: Sie geben einer Begegnung einen Rahmen, lösen ein Ereignis aus, stellen der Hauptfigur Hindernisse entgegen oder ermöglichen ihr Entwicklung. Das bedeutet nicht, dass Nebenfiguren beliebig oder austauschbar sein müssen. Eine präzise gezeichnete Nebenfigur kann für die Atmosphäre oder die Thematik eines Textes erheblich bedeutsam sein. Aber im Zentrum des Erzählinteresses stehen sie nicht.

Eng verknüpft mit dieser Unterscheidung ist der Begriff des Typs: Viele Nebenfiguren (aber auch manche Hauptfiguren) sind nicht als Individuen entworfen, sondern als Typen, die auf wenige, oft stereotype Merkmale reduziert sind (die strenge Lehrerin, der gütige Alte, der hinterhältige Rivale). Typen sind nicht per se ein Mangel; in bestimmten Gattungen wie dem Märchen oder der Fabel sind sie konstitutiv. Sie ermöglichen schnelle Orientierung und lenken das Erzählinteresse auf Handlungsmuster statt auf Charaktertiefe.

siehe auch: Figurenkonzepte

Figurenkonzepte: flach/rund, statisch/dynamisch

Die Unterscheidung zwischen flat und round characters geht auf den Literaturtheoretiker E. M. Forster zurück und hat sich als grundlegendes Analysewerkzeug etabliert. Eine flache (einfache) Figur ist durch einen kleinen, überschaubaren Merkmalssatz charakterisiert. Sie lässt sich auf wenige Eigenschaften reduzieren und verhält sich in der Erzählung im Wesentlichen vorhersehbar. Eine runde (komplexe) Figur dagegen besitzt eine Vielzahl von Wesenszügen, die sich mitunter widersprechen, und kann die Lesenden überraschen, ohne dabei unglaubwürdig zu wirken.

Davon zu trennen, aber oft damit verknüpft, ist die Frage nach der Dynamik einer Figur. Eine statische Figur verändert sich im Verlauf der Erzählung nicht wesentlich; ihre Merkmale bleiben konstant. Eine dynamische Figur hingegen macht eine Entwicklung durch: Sie lernt, scheitert, reift, verliert etwas oder gewinnt eine neue Sichtweise. Hauptfiguren sind häufig sowohl rund als auch dynamisch angelegt, weil die Erzählung von ihrer Veränderung handelt. Typen und Nebenfiguren sind dagegen oft flach und statisch: Ihre Funktion für die Handlung steht im Vordergrund.

Figurenkonstellation

Figuren existieren in Erzählungen selten isoliert. Sie stehen in Beziehung zueinander, und diese Beziehungen sind oft der eigentliche Motor der Handlung. Die Figurenkonstellation ist deshalb mehr als eine bloße Auflistung der auftretenden Personen, sondern erfasst die strukturellen Verhältnisse zwischen ihnen: Wer steht wem gegenüber? Wer ist wem über- oder untergeordnet? Zwischen wem besteht Nähe, zwischen wem Distanz oder Feindschaft?

Figuren können dabei in verschiedenen Beziehungstypen stehen: als Gegenspieler (Antagonist und Protagonist), als Vertraute, als Rivalen, als Abhängige usw. Häufig lassen sich Figurenkonstellationen als Kontrastverhältnisse lesen: Zwei Figuren sind so angelegt, dass sie einander spiegeln oder kontrastieren, z.B. durch ähnliche Ausgangssituationen mit unterschiedlichen Reaktionen, durch gegensätzliche Wertvorstellungen oder durch einen Konflikt, der die Thematik des Textes verdichtet.

Die Konstellation der Figuren verändert sich im Verlauf einer Erzählung oft: Beziehungen entstehen, zerbrechen oder verschieben sich. Diese Verschiebungen sind häufig identisch mit den zentralen Wendepunkten der Handlung. Die Analyse der Figurenkonstellation ist daher nicht nur eine Momentaufnahme, sondern sollte den Wandel der Beziehungen im Handlungsverlauf mitberücksichtigen.