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Epische Texte analysieren und interpretieren

Erzählerische Gestaltung

Die Analyse


Glossar der Fachbegriffe

Erzählinstanz

Jeder Erzähltext hat eine Stimme, also jemanden oder etwas, das die Geschichte erzählt, auswählt, anordnet und dem Lesenden zugänglich macht. Diese Instanz nennt die Erzähltheorie die Erzählinstanz oder den Erzähler. Der entscheidende Grundsatz dabei lautet: Der Erzähler ist nicht der Autor! Auch wenn ein Roman in der ersten Person geschrieben ist und autobiografische Züge trägt, handelt es sich beim Erzähler um eine Konstruktion des Textes.

Die Erzählinstanz trifft in jedem Text eine Reihe von grundlegenden Entscheidungen: Aus welcher Position wird erzählt? Wie viel weiß der Erzähler? Ist er an der erzählten Geschichte beteiligt oder steht er außerhalb von ihr? Wie verhält er sich zu dem, was er erzählt?

Erzählform: Ich-Erzähler und Er-/Sie-Erzähler

Ein Ich-Erzähler ist als sprechende Instanz im Text sichtbar und namentlich präsent. Der Lesende erlebt das Geschehen durch seine Erinnerung und seine Wahrnehmung. Das erzeugt Unmittelbarkeit und Nähe, hat aber einen Preis: Der Ich-Erzähler kann grundsätzlich nur das wissen, was er selbst erlebt, beobachtet oder erfahren hat. Sein Wissen ist prinzipiell begrenzt. Zugleich ist sein Bericht immer subjektiv gefärbt, durch seine Persönlichkeit, seine Interessen und seinen Blickwinkel geprägt.

Ein Er-/Sie-Erzähler tritt als grammatische Person nicht selbst in Erscheinung. Er erzählt von Figuren, ohne sich explizit als „Ich“ zu erkennen zu geben. Das schafft zunächst eine größere Distanz, ermöglicht aber zugleich einen weiteren Blickwinkel. Je nach Erzählverhalten kann ein Er-/Sie-Erzähler allwissend sein, sich auf eine einzige Figurenperspektive beschränken oder scheinbar ganz zurücktreten.

Wichtig ist: Die Erzählform allein sagt noch wenig über Perspektive, Wissen oder Haltung des Erzählers aus. Ein Ich-Erzähler kann durchaus über Dinge berichten, die er nicht selbst erlebt hat und ein Er-/Sie-Erzähler kann sehr nah an einer einzelnen Figur bleiben. Die Erzählform ist deshalb immer im Zusammenhang mit den folgenden Kategorien zu betrachten.

Beteiligte und unbeteiligte Erzählinstanz: homo-, hetero- und autodiegetisches Erzählen

Diese Unterscheidung knüpft direkt an den Grundbegriff der Diegese an. Die entscheidende Frage lautet: Gehört der Erzähler zur erzählten Welt oder steht er außerhalb von ihr?

Ein heterodiegetischer Erzähler ist nicht Teil der Geschichte, die er erzählt. Er berichtet von Figuren und Ereignissen, an denen er selbst nicht beteiligt ist. Dieser Erzählertypus ist besonders häufig mit dem Er-/Sie-Erzähler verbunden, wenngleich das keine Notwendigkeit ist.

Ein homodiegetischer Erzähler hingegen ist selbst eine Figur der erzählten Welt. Er war dabei, hat erlebt, beobachtet oder zumindest Zugang zur Geschichte gehabt. Die häufigste Form ist hier der Ich-Erzähler.

Innerhalb des homodiegetischen Erzählens ist der autodiegetische Erzähler der Extremfall: Er erzählt seine eigene Geschichte, ist also Erzählinstanz und Hauptfigur in einem.

Diese Kategorien sind analytisch präziser als die einfache Unterscheidung von Ich- und Er-/Sie-Erzähler, weil sie die Stellung des Erzählers zur erzählten Welt erfassen und nicht nur seine grammatische Form.

siehe auch: Diegese; Erzählform

Der unzuverlässige Erzähler

In der Regel vertraut der Lesende der Erzählinstanz: Was erzählt wird, gilt als das, was in der Diegese tatsächlich geschehen ist. Beim unzuverlässigen Erzähler wird dieses Vertrauen erschüttert. Der Lesende merkt z.B. durch Widersprüche im Text, durch das Verhalten anderer Figuren, durch auffällige Leerstellen oder durch eine erkennbar verzerrte Wahrnehmung, dass die Darstellung des Erzählers nicht mit dem übereinstimmt, was „wirklich“ in der erzählten Welt geschehen ist.

Unzuverlässigkeit kann verschiedene Ursachen haben: Ein Erzähler kann lügen oder etwas verschweigen, er kann sich selbst täuschen, er kann durch Trauma, Wahn oder starke Emotionen in seiner Wahrnehmung beeinträchtigt sein, oder er kann schlicht nicht genug wissen, um zuverlässig zu berichten. Besonders typisch ist das Phänomen beim autodiegetischen Erzähler, der über sich selbst erzählt und dabei unvermeidlich subjektiv ist.

Erzählhaltung

Neben der Frage, wer erzählt und was erzählt wird, stellt sich immer auch die Frage, wie erzählt wird, also in welchem Tonfall bzw. mit welcher inneren Haltung. Diese Dimension erfasst der Begriff der Erzählhaltung. Sie zeigt sich in der Sprache des Erzählers, in seiner Wortwahl, in der Art, wie er Figuren und Ereignisse kommentiert oder bewertet.

Mögliche Erzählhaltungen sind etwa: sachlich-distanziert, ironisch, humorvoll, melancholisch, kritisch, empathisch oder auch bitter. Die Erzählhaltung ist dabei nicht immer eindeutig. Ein Erzähler kann Ironie einsetzen, um Kritik zu üben, oder Mitgefühl und Distanz gleichzeitig signalisieren.

Die Erzählhaltung hängt eng mit der Frage der Zuverlässigkeit zusammen: Ein Erzähler, der erkennbar ironisch oder emotional befangen ist, lädt dazu ein, seine Darstellung kritisch zu lesen. Zugleich ist die Erzählhaltung von der Erzählperspektive zu unterscheiden: Während die Perspektive beschreibt, von wo aus erzählt wird, beschreibt die Haltung, mit welcher inneren Einstellung dies geschieht.

siehe auch: Erzählperspektive

Erzählperspektive: auktorial, personal, neutral

Nicht jeder Erzähler weiß gleich viel, steht gleich nah am Geschehen oder nimmt die gleiche Position gegenüber seinen Figuren ein. Die Erzählperspektive beschreibt genau diese Positionierung.

Beim auktorialen Erzählverhalten nimmt die Erzählinstanz eine übergeordnete, allwissende Position ein. Sie hat Zugang zum Innenleben aller Figuren, kennt Vergangenheit und Zukunft des Geschehens, kann Ereignisse an verschiedenen Orten gleichzeitig überblicken und sich jederzeit mit Kommentaren, Urteilen oder Deutungen einschalten. Der auktoriale Erzähler steht außerhalb der erzählten Welt und über ihr und lenkt die Wahrnehmung der Lesenden aktiv.

Beim personalen Erzählverhalten tritt die Erzählinstanz in den Hintergrund und übernimmt die Perspektive einer bestimmten Figur. Der Lesende erlebt das Geschehen so, wie diese Figur es mit ihrem Wissen, ihren Empfindungen und ihrer Begrenztheit wahrnimmt. Der Erzähler verschwindet nicht ganz, aber er macht sich unsichtbar hinter der Figurenperspektive.

Beim neutralen Erzählverhalten scheint die Erzählinstanz vollständig zu verschwinden. Das Geschehen wird scheinbar unvermittelt präsentiert (wie durch eine Kamera, die registriert, ohne zu kommentieren oder zu deuten). Innenleben der Figuren, Ursachen von Ereignissen oder Bewertungen bleiben ausgespart. Die Lesenden sehen nur, was von außen sichtbar ist: Handlungen, Gesten und Dialoge.

In der Praxis sind diese drei Typen selten in Reinform anzutreffen. Viele Texte wechseln zwischen Perspektiven oder verbinden auktoriale Eingriffe mit personalen Passagen. Die Unterscheidung ist deshalb weniger ein starres Klassifikationsschema als ein Analysewerkzeug, das hilft, die jeweilige Erzählstrategie eines Textes zu beschreiben.

siehe auch: Fokalisierung

Fokalisierung

Der Begriff der Fokalisierung wurde vom Erzähltheoretiker Gérard Genette eingeführt und hat sich als präziseres Instrument bewährt als die ältere Theorie von Erzählperspektive allein. Genette trennt dabei konsequent zwischen zwei Fragen, die leicht verwechselt werden: Wer sieht? (Fokalisierung) und Wer spricht? (Erzählinstanz). Diese Trennung ist wichtig, weil beide nicht immer zusammenfallen: Ein Er-/Sie-Erzähler kann das Geschehen durch die Wahrnehmung einer Figur filtern: Er spricht in der dritten Person, aber gesehen wird durch die Augen der Figur.

Bei der Nullfokalisierung gibt es keine Beschränkung des Wissens- und Wahrnehmungshorizonts. Der Erzähler weiß mehr als jede einzelne Figur und hat Zugang zu allem. Das entspricht in etwa dem auktorialen Erzählverhalten.

Bei der internen Fokalisierung ist der Wahrnehmungshorizont an eine bestimmte Figur gebunden. Das Geschehen wird durch deren Bewusstsein, Wissen und Wahrnehmung gefiltert. Der Erzähler sagt, streng genommen, nicht mehr, als diese Figur wissen oder wahrnehmen kann. Das entspricht in der Regel dem personalen Erzählverhalten. Die Fokalisierung liegt bei einer Figur, auch wenn die Erzählinstanz in der dritten Person spricht.

Bei der externen Fokalisierung ist der Wissenshorizont enger als der der Figuren: Die Erzählinstanz zeigt nur das äußerlich Beobachtbare, ohne Zugang zum Innenleben der Figuren zu haben. Das entspricht dem neutralen Erzählverhalten.

siehe auch: Erzählperspektive

Extradiegetische und intradiegetische Erzählung

Das Prinzip der Rahmen- und Binnenerzählung beruht auf einer einfachen Grundidee: In einer Geschichte wird eine weitere Geschichte erzählt. Eine Figur der äußeren Erzählung wird selbst zum Erzähler und berichtet von Erlebnissen, erinnert sich, liest einen Brief oder erzählt anderen Figuren eine Geschichte. Damit entsteht eine zweite Erzählebene (intradiegetisch) innerhalb der ersten (exrtradiegetisch).

Die Rahmenerzählung hat dabei mehrere Funktionen. Sie kann die Situation des Erzählens selbst thematisieren, also sichtbar machen, dass und warum jemand erzählt, unter welchen Umständen und mit welchem Ziel. Sie kann die Binnenerzählung kommentieren, einordnen oder in Frage stellen.

Der Erzähler steht außerhalb der Geschichte, er ist kein Teil der dargestellten fiktionalen Welt. Er erzeugt die Welt, in der die Figuren agieren, berichtet aber selbst nicht als Figur darin.

Umgekehrt kann die Binnenerzählung auf die Rahmenerzählung zurückwirken: Was die Figur erzählt, verändert die Situation, in der sie erzählt, oder beleuchtet sie in einem neuen Licht. In vielen Texten sind Rahmen und Binnenerzählung also nicht einfach voneinander getrennt, sondern aufeinander bezogen. Sobald eine Figur innerhalb der erzählten Welt selbst zu erzählen beginnt, entsteht eine intradiegetische Ebene: eine Erzählung innerhalb der Erzählung.

Theoretisch lassen sich weitere Ebenen hinzufügen: Wenn eine Figur der Binnenerzählung ihrerseits zu erzählen beginnt, entsteht eine metadiegetische Ebene, also eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte. Solche mehrfach verschachtelten Strukturen finden sich etwa in Tausendundeiner Nacht oder in bestimmten Rahmennovellen des 19. Jahrhunderts.

siehe auch: Diegese

Darbietungsarten

Ein Erzähltext wechselt häufig zwischen verschiedenen Darbietungsformen: Mal rafft der Erzähler Ereignisse in wenigen Sätzen zusammen, mal tritt er zurück und lässt Figuren sprechen, mal greift er ein und kommentiert das Geschehen. Die Analyse der Darbietungsarten fragt nicht nur was präsentiert wird, sondern wie und durch wen:

Zur Erzählerrede gehören:

  • Erzählerbericht: straffe, geraffte Darstellung der Handlung in zeitlicher Abfolge
  • Erzählerbeschreibung: anschauliche Darstellung von Schauplätzen, Figuren, Gegenständen
  • Erzählerkommentar: Eingreifen des Erzählers mit Bemerkungen, Urteilen oder Überlegungen

Zur Figurenrede gehören:

  • direkte Rede
  • indirekte Rede
  • erlebte Rede: Wiedergabe von Gedanken und Gefühlen einer Figur in der 3. Person (ohne direkte/indirekte Rede)
  • innerer Monolog: Wiedergabe von Gedanken und Gefühlen einer Figur in der 1. Person

siehe auch: Figuren